Wer würde/wurde das schon gerne machen?!

Zwei kleine Punkte können einen großen Unterschied machen, denn im Satz: „Das Wetter ist schon“ fehlt entweder ein Abschluss wie „wieder schlecht“ oder einfach ein Umlaut, damit aus dem schon ein schön wird. Peinlicher wird’s, wenn man dem Wetter eine sexuelle Orientierung durch Auslassung andichtet: Heute ist es ganz schon schwul. Ob da zum CSD viele Homosexuelle durch die Straßen ziehen? Wohl eher nicht, denn bei hoher Luftfeuchtigkeit wird es im Sommer oftmals schwül.

Auch wurde und würde liegen von der Orthographie dicht beieinander und leiten sich auch noch vom gleichen Verb her: werden. Während die Vergangenheitsform dann „wurde“ lautet, wählen wir in der Höflichkeitsform: würde. Wenn das nicht schon ärgerlich genug ist, kommt für den Niederländer jetzt die Aussprache erschwerend hinzu, weil das deutsche U wie das niederländische Oe (goed) gesprochen wird, nicht aber wie das Niederländische U (stuurt), das Ü dagegen sehr wohl wie U (stuurt), und zwar wegen des vermaledeiten Umlauts.
Also:
Ich wurde (ik werd) gesprochen für Niederländer: ich woerde
Ich würde (ik zou) gesprochen für Niederländer: ich wuurde

Apropos: Wussten Sie schon, dass ausgerechnet bei den beiden Vokalen, bei denen der Niederländer einen Umlaut verwendet, und zwar E und I, im Deutschen im Prinzip (außer bei eingebürgerten Fremdwörtern bzw. Namen) kein Umlaut verwendet darf. Im Deutschen ist nicht erkennbar, dass bei „kreiert“ die neue Silbe vor dem I anfängt, und nicht vor dem E danach.

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Sie, du, Herr Sachse!

Unbekannte Menschen kennen zu lernen, ganz besonders wenn diese aus dem Ausland kommen, ist immer aufregend. Da möchte man den richtigen Ton treffen und sich nicht darin vergreifen. Wie aber spricht man den sympathischen Deutschen mit dem flotten Auftreten an? Doch nicht mit dem altbackenen Sie? Möchte sich der Mann (oder die Frau) von Welt denn anno 2011 noch wie ein Schulmeister ansprechen lassen? Vielleicht nicht ein jeder, aber sicherlich eine ganze Menge.

Gerade in den Niederlanden, in denen es andere Gepflogenheiten im Umgang miteinander gibt, stößt die deutsche Höflichkeitsform mit dem Sie nicht überall auf Verständnis. Und jeder, der in den Niederlanden wohnt, kennt sicherlich die folgenden Fragen zur Verwendung der Höflichkeitsform. „Ist das nicht viel zu distanziert?“ „Wirke ich da nicht arrogant?“ „Das Du spricht sich doch viel leichter!“

Sicherlich lässt sich die dritte Bemerkung am einfachsten widerlegen: Die grammatischen Formen der Konjunktion mit Du sind nämlich alles andere als einfach, während die Sie-Formen ganz einfach mit dem Infinitiv gebildet werden. Und „Sie halten“ ist da allemal einfacher als „Du hältst“, bei dem der Umlaut und das fehlende -e in der Endung erklärt werden müssen.

Bleiben also nur noch arrogant und distanziert, und auch diese Vorurteile lassen sich zügig aus der Welt schaffen: Die Sie-Form drückt weder Arroganz noch Distanz aus, sondern – wie der Name schon sagt – Höflichkeit und Respekt; daher ja auch Höflichkeitsform. Mit dem Sie zeigt man dem Angesprochenen den gebührenden Respekt und wahrt die unsichtbare Distanz, deren Überschreiten manche als genauso taktlos empfinden wie das Überqueren der roten Linie am Bankschalter. Die auch sprachlich ausgedrückte Armeslänge Abstand zum Gesprächspartner schafft nämlich Luft, während das Du eine ungewünschte Nähe, eine erstickende Distanzlosigkeit vermitteln kann. Dies führt zu Ablehnung und Zurückweichen, zwei Verhaltensweisen, die gerade beim ersten Kennenlernen unbedingt vermieden werden sollten, und die schlimmer sind als ein ganzer Schwung von Grammatikfehlern.

Deshalb: Wer bei den ersten Gesprächen das Sie benutzt, vermeidet grammatisch komplizierte Konstruktionen und bietet dem Gesprächspartner genügend Raum zur Entfaltung, sodass zügig eine angenehme Kommunikation möglich wird, bei der auch Scherze ihren Platz haben, denn wer sagt, dass das Sie den passenden Humor ausschließt?

Und wer weiß, landet man dann früher oder später doch einmal an der Stelle, an der einem das Du angeboten wird! Aber merke: Das Du wird entweder von der älteren Person oder derjenigen mit der höheren Position (in der Firma) angeboten. Eine Selbstverständlichkeit ist das Du aber nicht, die somit also manchmal schon nach kurzer Zeit angeboten wird, manchmal aber auch nie. Und trotzdem können sich auch die Kollegen, die sich schon seit Jahren siezen, ausgezeichnet miteinander verstehen. Wenn das nicht optimistisch stimmt.

Nachschlag: Als kurze Gedankenstütze ein Zitat meines Vaters, der vor dem voreiligen Gebrauch der Du-Form warnt: „Man sagt viel leichter: Du blödes Ar…., als Sie blödes Ars…!“ Na, und wo er recht hat, hat er recht.


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